Story

Leben mit der Mine

Afghanistan

13 Millionen Minen liegen in Afghanistan – schätzt die UN. Ursprünglich eine Kriegswaffe, liegen sie nun da und führen ihren Kampf weiter – jahrzehntelang. Riesige Gebiete sind unbewohnbar und land­wirtschaftlich nicht zu nutzen. Tausende Menschen und Tiere werden jährlich verstümmelt oder getötet.

Irgendwo hier liegt eine Mine.

Die Mine ist auch ein Symbol für das nicht endende Trauma eines Krieges: Die seelischen und körperlichen Verletzungen, die Erfahrung der völligen Moral­losigkeit, die weit­gehende Zerstörung aller Lebens­bereiche. Das Entsetzen des Erlebten bewirkt eine Abstumpfung und Verrohung, die noch an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Der Krieg bleibt in den Köpfen der Menschen lebendig.

Die Shomali Plains, eine Hochebene nördlich von Kabul, etwa 80 km lang, 30 km breit. Früher einmal der Obstgarten Kabuls, ist hier heute Wüste. Das Ausmaß der Zerstörung im ehemaligen Kampf­gebiet ist beein­druckend vollständig: Kein Haus, kein Baum, kaum ein Strauch wurde verschont. Die Straße ist über eine Strecke von rund 60 km rechts und links lückenlos mit rot lackierten Steinen markiert: Minen­gebiet!
Jalalabad liegt im Osten Afghanistans, rund 150 km oder 6 Autostunden von Kabul entfernt. Die Stadt hat 60.000 Einwohner und ist die Hauptstadt der Provinz Nangarhar. Sie ist Zentrum für den Handel mit Indien und Pakistan. Die berüchtigten Höhlen­verstecke der Taliban in Tora Bora liegen nur wenige Kilometer entfernt.
Die Hilf­sorganisation AABRAR - Afghan Amputee Bicyclists for Reha­bilitation and Recreation - wurde 1995 vom Arzt Abdul Baseer gegründet. Die Idee von AABRAR ist so einfach wie schön: Fahrräder geben ein Stück der durch die Mine verlorenen Mobilität zurück und bieten damit eine Einkommens- und Über­lebens­grundlage. Außerdem fördert das Radfahren die körperliche Fitness und schafft seelische Entspannung.

Jeden Monat werden 20 Männer nach Jalalabad eingeladen und lernen dort, Fahrrad zu fahren. Darüber hinaus gibt es Basis­unterricht in Minen­kunde, Alpha­betisierung und Hygiene, sowie medizinische Betreuung. Am Ende des Monats erhält jeder eine Urkunde und – vor allem – ein Fahrrad.

Frauen und Fahrrad­fahren

In Afghanistan ist das Radfahren für Frauen kaum möglich. Darum bietet AABRAR - räumlich streng getrennt - eine alternative Ausbildung für Frauen und Mädchen an: Innerhalb eines halben Jahres werden sie im Nähen und Sticken ausgebildet. Zum Abschluss erhalten sie eine Nähmaschine.

In Kabul hat AABRAR einen Fahrrad­kurier­dienst gegründet. Die "Rekonstruktion des Sozialen", die Wiedereingliederung in die Gesellschaft, ist - neben den lebenspraktischen Aspekten der Ausbildung - die übergeordnete Aufgabe, die AABRAR sich stellt. Der Öffentlichkeit die Leistungsfähigkeit der Amputierten zeigen zu können, ist ein großer Erfolg.

Das Inter­nationale Rote Kreuz (ICRC) betreibt in Jalalabad eine ortho­pädische Werkstadt. Jedem, der eine Prothese benötigt, wird geholfen. Mithilfe eines Gipsabdrucks vom Stumpf wird eine Kunst­stoff­prothese gefertigt, die dann an die Gehweise und Körper­haltung angepasst wird. Die Leute lernen mit Hilfe eines Physio­therapeuten und eines Spiegels zu laufen und auch schwierige Situationen wie ein steiniges Flussbett oder eine Treppe zu bewältigen.

Beim ICRC arbeiten 32 Menschen: Ärzte, Pfleger, Physio­therapeuten, Techniker, Verwalter, Lageristen, Reinigungs­kräfte. Alle hatten selbst eine Amputation.

„ONE STEP BEYOND – Wiederbegegnung mit der Mine" (OSB) ist ein Projekt des Künstlers Lukas Einsele, das über Landminen und ihre Opfer berichtet. OSB ist ein multimediales Projekt, das sich der Fotografie, audio-visueller Texte, Zeichnungen und weiterer Dokumentationsmaterialien bedient. Zusammen mit Lukas Einsele bin ich für OSB in drei der am stärksten verminten Länder der Erde gereist.

Sehr beein­druckend bei der Minenräumung ist die ungeheure Ruhe mit der gearbeitet wird. Es ist lebenserhaltend, dass nie irgendetwas in Eile getan wird - nicht einmal die Rettung Verletzter.

Minenräummaschinen wie der Minebreaker, mit dem die Bundeswehr in Kabul den Flughafen entmint, sind nur sehr begrenzt einsetzbar. Sie eignen sich nur für relativ ebenes und steinfreies Gelände. Außerdem sind die Geräte und ihr Unterhalt extrem teuer und der Boden leidet sehr unter der Bearbeitung.
Auch Hunde werden zur Minensuche eingesetzt. Aber auch sie sind teuer – und zur Suche nach einzelnen Minen im Boden nicht zuverlässig. Sie werden eher eingesetzt, um festzustellen, ob es grundsätzlich in einer Fläche Minen gibt – auch das ist eine immens wertvolle Leistung, die große Summen Geldes dadurch spart, dass sie mit kleinem Aufwand die Flächen reduziert, die manuell geräumt werden müssen.
Da nicht alle Minen auf einen Schlag geräumt werden können – zehn bis zwanzig Jahre veranschlagt die UN für die Räumung Afghanistans – wird das Land noch sehr lange mit Landminen leben müssen. Daher ist das Wissen über Landminen, Blindgänger und den Umgang damit genauso wichtig, wie deren Beseitigung. Nomaden sind - als wandernde Viehhirten - von der Natur ihres Lebenswandels her besonders von der Verminung der Landschaft betroffen. Hilf­sorganisationen gehen zu den Nomaden in die Wüste. Es werden die unter­schiedlichen Typen explosiver Fundstücke vorgestellt. Regeln werden vermittelt: Wie man sich zu verhalten hat, wenn man sich plötzlich in einem Minenfeld befindet. Wie Verwundete zu versorgen und Minenfelder korrekt zu markieren sind.