Story

Unworte

Unwörter sind, laut offizieller Definition, »Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicher­weise sogar die Menschenwürde verletzen«. Es geht nicht um schludrigen Sprachgebrauch, sondern um unsere Gesellschaft, die sich durch die Sprache offenbart.

Seit 2005 initiert eine Gruppe Darmstädter Fotografen jedes Jahr aufs Neue eine Ausstellung zum Unwort des Jahres. Unabhängig von der Unwort Jury, von Geldgebern oder Medien. Jeder Fotograf präsentiert zwei Arbeiten, mit denen er oder sie das Unwort des Jahres ganz persönlich und subjektiv visualisiert und interpretiert.


Alternative Fakten

Greatest ever!

2017 – Die „Alternativen Fakten“ - das Original von Kellyanne Conway - sind weder Lüge noch Betrug: Dazu ignorieren sie viel zu offensichtlich jeden Anspruch auf Wahrhaftigkeit.

Die Schamlosigkeit, mit der Trump sein Recht auf uneingeschränkten Superlativ einfordert, macht mich atemlos. Dafür habe ich in Deutschland zum Glück keine Entsprechung gefunden. Ja, es wird hemmungslos gelogen, aber - so schmutzig die Lügen auch sein mögen - wenigstens irgendwie nachvollziehbar.


Volksverräter

Noch zwei besorgte Bürger

2016 – Zwei, die sich viele Gedanken gemacht haben um das deutsche Volk. Die den Volksverräter konsequent zu Ende gedacht und den Begriff in einer Bedeutungstiefe und -breite erfasst haben, die alle Dimensionen sprengt. Und die ihr „Volk“ in einem beispiellosen Maße verraten haben.

Die beiden Portraits sind nur in veränderlichen Merkmalen verändert: Frisuren, Bart, Brille, Schmuck, Kleidung. In Ihren unveränderlichen Merkmalen sind die Bilder original. Links Joseph Goebbels, rechts Adolf Hitler.


Lügenpresse

2014 – Das Wort "Lügenpresse" ist weder eine Auseinandersetzung mit der Wahrheit noch mit der Medienlandschaft, sondern steht wie ein Schutzschild vor der Meute. Auf PEGIDA-Demonstrationen als Kampfruf skandiert, wirkt die Diffamierung in zweierlei Weise: Erstens werden unliebsame Weltbilder ausgehebelt, zweitens muss sich PEGIDA Kritik an eigenen Positionen nicht stellen. "Lügenpresse" verweigert Verständnis, blockiert Austausch und erschlägt Gegenargumente. Und teilt die Welt in Rechthaber und Zuhörer.


Sozialtourismus

Leserbrief zum Schiffsunglück vor Lampedusa von „Radowan“ in „ShortNews“ am 21.10.2013:

„Ich hätte die Leichen von den Fischen auffressen lassen. Nun kosten die "Armutsflüchtlinge" die EU, und damit hauptsächlich den deutschen Steuerzahler, doch noch einen Haufen Geld.“

Für meine fotografische Auseinandersetzung wähle ich die hartherzigste Abgrenzung, an der ich als EU-Bürger in den letzten Jahren Anteil habe: Wir lassen Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kommen, einfach ertrinken. Ich bin nach Agrigento gereist, um nach Bildern zu suchen, die das Ende der Reise von "Sozialtouristen" zeigen. Gefunden habe ich winzige Blicke auf hoffnungsvolle Leben, die hätten gelebt werden können. Und meine eigene Verwicklung: Ich bin drinnen. Sie sind draußen.

Fotokopie eines Portraits einer ertrunkenen Familie in einer Grabstätte von Opfern des großen Schiffsunglücks vor Lampedusa am 3. Oktober 2013.
Selbstportrait vor einer Grabkappelle im Rohbauzustand. Viele der Ertrunkenen konnten nicht identifiziert werden und so sind sie als Nummer erst in den Verputz ihrer Grabstelle eingeritzt oder mit Filzstift an die Wand geschrieben. Später wurden diese durch einheitlich gedruckte Schilder ersetzt. Einige wenige Gräber wurden von Verwandten besucht und so bekamen einige der Nummern – identifiziert anhand von Fotos der Toten - Namen und Gesichter.

Opfer-Abo

"Können diese Augen lügen?"

2012 – Männer sind die Täter, Frauen die Opfer. Der Unwort-Urheber Jörg Kachelmann sieht sich als Leidtragender dieses Vorurteils – und stellt ihm selbst ein anderes entgegen: Frauen werden als schutzbedürftig empfunden, ihnen wird leichtfertig geglaubt und von kritischen Fragen werden sie möglichst verschont. "Opfer-Abo" impliziert: Wenn eine Frau einen Mann der Vergewaltigung beschuldigt, sind die Vorwürfe grundsätzlich zu bezweifeln.

Das eine Vorurteil ist weder "wahrer" noch "besser" als das andere. Wir alle haben Vorurteile – sie machen das Leben leichter und überschaubarer. Wenn wir aber wirklich über etwas oder jemanden zu urteilen haben, stehen uns solche Vorurteile im Weg. Wir müssen uns ein Bild machen – in jedem Einzelfall neu, sorgfältig und mit offenem Ergebnis.

Lacht diese Frau, wenn jemand die Treppe herunterfällt? Hasst diese Frau Ausländer? Bestiehlt diese Frau ihre Freunde?
Ist dieser Mann ein liebevoller Vater? Engagiert sich dieser Mann ehrenamtlich im Behindertenwohnheim? Weint dieser Mann, wenn er eine Katze überfährt?

Dönermorde

2011 – Das Wort „Dönermorde“ ist sehr weit weg von den Menschen, die ihre Leben oder einen Angehörigen verloren haben. der Gang zu den Orten an denen gemordet wurde ist ein Moment des Gedenkens.

Holländische Straße 82, Kassel

Hier betrieb Halit Yozgat bis zum 6.4.2006 ein Internet-Café. Er wurde mit zwei Schüssen in den Kopf getötet und starb 21-jährig in den Armen seines Vaters. Den Eltern wurde gesagt, Halit sei in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen.

Mallinckrodtstraße 190, Dortmund

Hier wurde am 4.4.2006 Mehmet Kubaşik in seinem Kiosk ermordet. Der 39-jährige Familienvater hinterließ drei Kinder. Seine Frau wurde als Verdächtige verhört.

Das Unwort des Jahres ist eine sprachkritische Aktion, die in Deutschland 1991 von dem Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser ins Leben gerufen wurde. Sprecherin der Unwort Jury ist heute Prof. Nina Janich.